22:45 Uhr: Der Film im Fernsehen ist zu Ende. Jetzt noch einmal kurz mit dem Hund raus, Zähne putzen und dann ins Bett. Nach 5 Stunden Training mit den Rettungshunden bin ich richtig müde und freue mich auf eine ruhige Nacht. Der Hund schaut mich an und fragt, ob er tatsächlich noch einmal aufstehen muss. „Na los, nur kurz, um das Bein zu heben.“ Mühsam steht er auf, schnüffelt draußen ein bisschen und kehrt auch gleich wieder um. Wie immer bekommt er noch einen Hundekuchen; auch er muss Zähne putzen und als ich aus dem Bad komme, liegt er schon wieder auf seinem Platz.
Oh, herrliche Nacht! Schlafen und ausruhen!
Es piept. Welch’ blöder Traum. Nein es piept immer noch! Irgendeiner redet. Doch, es ist wahr: der Melder . . . . der M E L D E R!
„EINSATZ für die Rettungshunde!... Bereich...“
Oh Sch... - ich habe den Rest der Durchsage verpasst. Also schnell die Rettungsleitstelle anrufen. 00:47 steht auf der Uhr.
Eigentlich ganz schön spät für einen Alarm, denke ich während ich die Rufnummer der Leitstelle wähle. Oft kommt der Alarm so gegen 22:00 Uhr; wenn die ersten Suchen durch die Angehörigen und die Feuerwehr erfolglos waren. Im Dunkeln kann kein Mensch mehr richtig sehen und die Einsatzleitung erinnert sich an die Rettungshunde. Die können auch im Dunkeln riechen. „Wenn die uns bloß früher rufen würden“ denke ich noch, da meldet sich der Disponent der Rettungsleitstelle.
„Rettungshundestaffel, wir hatten Alarm; Frage Einsatzort“ melde ich mich. Brauche ich eigentlich gar nicht, denn der Disponent sieht meine Rufnummer auf dem Bildschirm und erhält alle notwendigen Informationen vom Rechner dazu.
„Poggensee, männlich seit 19:30 Uhr vermisst“ erhalte ich die Information.
„Poggensee im Kreis Stormarn oder im Kreis Lauenburg“ frage ich zurück, denn wir sind für beide Landkreise einsatzbereit und diesen Ort gibt es mehrfach.
„Bei Nusse“ antwortet der Disponent.
„Ich melde mich gleich wieder“ kommt prompt meine Antwort.
Unterdessen rumort es hinter mir. Meine Frau springt schon in ihre Einsatzklamotten, legt mir meine Sachen zurecht und macht die Sachen für den Hund fertig. Der Hund ist auch schon bereit. Sobald der Melder piept, weiß er Bescheid. Aufmerksam beobachtet er uns und versucht nicht im Weg zu stehen. Seine Menschen sind ganz schön hektisch. Die müssen auch ihre Einsatzausrüstung mit haben, er braucht nur seine Kenndecke.
Ich wähle die Nummer vom zweiten Einsatzleiter, gebe ihm den Einsatzort durch und telefoniere dann meine Alarmliste durch. Wer Kommt? Wer kann nicht, weil er gerade Dienst hat? Wen stellt der Arbeitgeber trotzdem frei? Der zweite Einsatzleiter telefoniert seine Alarmliste durch und meldet dann die Einsatzstärke.
Per automatisierter SMS war dass alles einfacher, aber das dürfen wir nicht (mehr). Telekommunikationsgesetz heißt das Hindernis. Und eine automatisierte Generierung der SMS mit einem dafür geeigneten Gerät können wir nicht bezahlen. 1.300 € sind einfach zu viel Geld für eine ehrenamtlich tätige Rettungshundestaffel. Vielleicht finden wir mal einen Spender dafür.
Schnell in die Klamotten. Das Auto steht schon vor der Tür. Der Hund ist drin. Jetzt den Weg raussuchen zum Einsatzort. Nebenbei die Stärkemeldung an die Rettungsleitstelle durchgeben.
„Wir sind mit 8 Hunden unterwegs!“ lautet die Meldung an die Leitstelle.
(Zwei fehlen heute: ein Rettungshundeführer ist krank und eine Rettungshundeführerin hat Nachtdienst im Rettungsdienst)
„Gut ich weiß Bescheid; die Rettungshundestaffel aus Mölln ist auch unterwegs“ kommt die Antwort an der Leitstelle.
Jetzt bloß nicht die Ruhe verlieren. Wir fahren alle mit unseren Privatwagen zum Einsatzort. Wir haben zwar ein Schild außen am Auto „Rettungshund im Einsatz“ aber so manches Mal fehlt eben doch das Blaulicht und das Martinshorn. Immerhin geht es um Menschenleben. Aber für Einsatzfahrzeuge mit Sondersignalanlage fehlt eben auch das Geld. Alle sind ehrenamtlich tätig und bezahlen ihre Einsatzkleidung und ihre Ausrüstung selbst. Deshalb freuen wir uns über jede Spende.
Angekommen! Meldung an die Rettungsleitstelle und ab zur Einsatzleitung.
„Wer ist hier der Einsatzleiter?“
„Die Rettungshunde-staffel der DLRG mit 8 Hunden“ melde ich mich beim Einsatzleiter. Von ihm erhalte ich die Daten der vermissten Person.
„Max Mustermann, 57 Jahre, 1,82 m ca. 75 kg, stark verwirrt, orientierungslos, ist nicht zum Abendessen im Behindertenwohnheim erschienen. Die Feuerwehr sucht seit 21:00 Uhr und hat bereits alle umliegenden Straßen und Waldwege abgesucht.“
Noch ein paar Rückfragen zur Kleidung der vermissten Person; gibt es ein Bild von dem Vermissten, Gewohnheiten, Lieblingsplätze usw. Ist der Förster, der Jagdpächter informiert? Unsere Rettungshunde laufen nachher im Wald frei ohne Leine.
Dann sammele ich die Rettungshundeführer um mich. Der zweite Einsatzleiter hat bereits die Karte der Umgebung aufgeblättert. Die Informationen über die vermisste Person werden weitergegeben. Alle machen sich Notizen. Dann die Gebietseinteilung: vier Rettungshunde-teams in den angrenzenden Wald; zweimal zwei zur Wegesuche vom Wohnheim weg. 90 % der Vermissten werden im Umkreis von 3,5 km vom Wohnort gefunden. Orientierungslose Personen werden oft innerhalb von 50 m neben begehbaren Wegen gefunden. Die Suchteams werden nach Erfahrung und Können zusammengestellt. Der Funkkanal zur Kommunikation wird bekannt gegeben und los geht’s.
Die Hundeführer schultern ihre Rucksäcke mit dem Wasser für den Hund und dem Erste Hilfe Material, testen kurz ihr Funkgerät und gehen mit ihren Hunden zum zugewiesenen Ansatzpunkt. Dort erhält der Hund seine Kenndecke und wird vom Hundeführer motiviert.
„Such und Hilf!“
Jetzt muss der Rettungshund beweisen, was er im ständigen Training gelernt hat. Mit halbhoher Nase stöbert er durchs Gebüsch. 30m rechts und 30m links vom Hundeführer sucht er nach dem Geruch eines Menschen. Die vier Teams im Wald suchen so rund 250m Breite in beliebiger Länge ab. Von dem zuständigen Einsatzleiter wird das Suchschema genau festgelegt. Die Teams der Wegesuche schicken ihre Hunde vom Weg aus in die nicht einsehbaren Bereiche.
Während ich unsere Teams beobachte denke ich an einen Einsatz vor kurzem. Einer unserer Hunde hatte einen Vermissten nach 3 Stunden erfolgloser Suche durch Einsatzkräfte nur 300 m von seinem Haus gefunden. Er lag an einer Strasse hinter einem Knick und hatte sich in einem Stacheldraht verfangen aus dem er sich selbst nicht mehr befreien konnte. Sehen konnte man ihn nicht, aber der Hund hat ihn gerochen. Der Vermisste war stark unterkühlt, konnte aber gerettet werden.
Wenn die Rettungshundeteams arbeiten, kommt bei der Einsatzleitung das große Warten. Findet einer der Rettungshunde oder suchen wir an der falschen Stelle? Ist die vermisste Person im Suchgebiet oder ganz woanders? ...und natürlich die immer wiederkehrende Frage: Warum wurden wir nicht früher gerufen? Immer wieder lässt man wertvolle Stunden verstreichen bevor man uns alarmiert - mehr als anbieten können wir es ja nicht... kostenlos...
Dann - nach 48 Minuten endlich klingt es aus dem Funkgerät:
„Hier ist Pelikan 4: Person gefunden. Person ist gestürzt und nicht gehfähig. Benötige Unterstützung!“
Nun wird die Fundstelle näher beschrieben und der Rettungsdienst informiert. Die Erstversorgung erfolgt durch den Hundeführer und unseren Rettungsassistenten. Der Rettungswagen übernimmt den Patienten und bringt ihn zur weiteren Versorgung ins Krankenhaus.
Die Rettungshundeteams kehren alle zu den Fahrzeugen zurück. Die Hunde müssen alle noch bestätigt werden. Jeder Hund soll den Einsatz mit einem Erfolg abschließen. Also müssen alle noch einmal ran; auch wenn die Füße müde sind und man eigentlich nur noch ins Bett möchte. Jeder Hund bekommt noch eine kleine Suche, findet und es wird mit ihm gespielt, so dass er den Einsatz erfolgreich beendet. Danach geht es endlich nach Hause. Auf dem Rückweg mache ich telefonisch die Meldung an die Rettungsleitstelle. Auto ausräumen, die Einsatzsachen wieder fertig machen; der Hund geht schon mal auf seinen Platz und schläft gleich ein.
Auch wir können wieder ins Bett. 04:42 zeigt der Wecker. Um 06:30 Uhr müssen wir wieder Aufstehen und ins Büro.
Schön, dass wir zwischendurch wieder einem Menschen helfen konnten!